Nachdem ich schon dachte, der Ausflug würde ausfallen, weil der Bus nicht kam - was aber an übermäßigem Vertrauen auf Fahrpläne lag, und sich nach einiger Zeit auflöste - gings dann doch los, und sogar mit viel Glück: heute ist Tag des Denkmals und überall ist Eintritt frei. In Knossos treten sich die Touristen, und dabei sind wir noch richtig früh dran. Beeindruckend auf alle Fälle, dass hier zu Zeiten, als wir noch in der Steinzeit lebten, Kanalsystem und Wasserklos benutzt wurden (ca. 1750 v.C.).
Ulkig auf dem Gelände ist, dass man kaum unterscheiden kann, was alt ist und was Herr Evans sich ausgedacht hatte. Noch ulkiger ist, dass nun seine Rekonstruktionen, nachdem der Zahn der Zeit wohl tüchtig daran genagt hat, restauriert werden, anstatt sie abzureißen und zu versuchen, den ursprünglichen Palast wieder herzustellen. Evans, der Ausgräber des Palastes, ließ nicht nur die Ruinen in Rekordzeit ausgraben, sondern bereitete sie auch mit Beton und viel Farbe so auf, wie es seinen Vorstellungen entsprach. Er "schuf" die Minoer, interpretierte fröhlich seine (nicht sonderlich gut oder sorgfältig dokumentierten) Funde und schuf so eine Art archäologisches Disneyland.
Die Minotauren - Sage: Minos heißt auch einfach nur König, oder Königin, und der Stier war ein Symbol der Fruchtbarkeit und der Kraft, und daher von den Minoern geheiligt und verehrt. Vielleicht auch um die Erdbeben, die wie eine Horde Stiere, die aus dem Erdboden brechen, klingen, in Schach zu halten. Das Herrschaftszeichen der Minoer ist die Doppelaxt, und aus dem griechischen Wort für "Haus der Doppelaxt" wurde nach und nach der Begriff "Labyrinth" in seiner heutigen Bedeutung - denn der Palast war für damalige Zeiten ungewöhnlich leicht und verwirrend gebaut. Überall tauchten Höfe auf, es gab mehrere große Eingänge, verschiedene Ebenen waren durch Treppen verbunden, und in den Gängen konnte man sich wohl verirren. Dann kamen die Griechen und überrannten die Insel einfach, nachdem durch eine verheerende Naturkatastrophe die minoische Flotte restlos vernichtet war und die Insel so ziemlich in Schutt und Asche lag. Der Sage nach erschlug der griechische Held Theseus den Minotaur. Auch eine Art, Geschichte zu beschreiben.
Was bleibt, ist wie immer an so einem Ort der Wunsch zu sehen, wie die Menschen damals lebten, ob sie wirklich in so winzigen Kämmerchen wohnten, die Opfergaben mit ernster Miene über jenen Steg trugen, Besucher den langen und beeindruckenden Weg über die Treppe und vorbei an den Mosaiken antreten ließen.
Danach gehts weiter zur Lassithi - Hochebene. Der Bus schraubt sich mäandernd die viel zu schmale Straße hoch. Beeindruckend die tiefen Taleinschnitte und in der Ferne das Meer. Oben auf der Ebene ist es fast kühl, selbst in der Sonne, und von den vielgerühmten Windrädern (beliebtes Postkartenmotiv!) ist so gut wie keines mehr übrig. Früher zur Wasserversorgung eingesetzt, heute meist nur noch Schrott. Da komme ich wohl so ein, zwei Jahrzehnte zu spät, das Wasser wird inzwischen bevorzugt mit Motorenkraft hochgepumpt.
Mittagspause auf einem kleinen Friedhof: weiß getüncht und Gräber aus weißem Marmor, ein friedlicher Ort. Die Griechen sparen oft ihr Leben lang, um sich oder ihren Angehörigen so prächtige Gräber leisten zu können.
Dann in die Höhle hinabgestiegen, in der Zeus geboren sein soll. Ziemlich feucht und sehr finster, so dass man die Tropfsteinpracht eher ahnt als sieht, und zum Fotografieren leider denkbar ungeeignet. Die Temperaturwechsel sind krass, von nass-kalt zu trocken-heiß. Interessant daran die mythologische Entwicklung: Am Anfang herrschten Himmel und Erde - Uranos und Geia. Dann kam die Zeit und der Fluss der Zeit - Kronos und Rea. Sie zeugten Zeus, der Kronos entmannte und die Herrschaft übernahm. Gesäugt wurde der Knabe von Althea, der Ziege, die vor Zeus in der Lassithi-Ebene verehrt wurde.